Am allerersten #bärenhunger Brunch im April 2016 thematisieren wir den Spirit von Bern. Wir diskutieren gemeinsam über die Identität der Stadt.

30

April

09 30 Uhr

Adriano's Bar & Café

#bärenhunger Brunch vom 30. April 2016

Es diskutierten Alec von Grafenried, Peter Stämpfli, Bobby Bähler, Donat Senn, Arci Friede und viele mehr.

Im Januar 2016 fand im Berner Kursaal eine Tagung statt: The Spirit of Bern. Wir vom #bärenhunger haben uns gefragt: Was ist denn der Spirit von Bern überhaupt? Und was bedeutet er für die Zukunft unserer Stadt?

Paris kennen wir als Stadt der Liebe, New York als Stadt der Ambition und Jerusalem als Stadt der Religion. Aber was ist mit Bern? Was ist The Spirit of Bern? Sind wir stolz Bernerinnen und Berner zu sein wie es die Pariserin und der New Yorker sind?

Die Antwort unserer Gäste am ersten #bärenhunger Brunch lautet: nein. Stolz gehört sich nicht. Vielmehr sind wir dankbar. Wir verspüren Respekt und Demut gegenüber einer städtischen Gemeinschaft mit langer Geschichte, tief greifenden Wurzeln und gleich hohen Häusern. Wir sind alle gleich. Wir sind: zufrieden. Es geht uns gut. Die Lebensqualität ist hoch und die Aare spült einen Schluck Mittelmeer nach Bern.

Zweifel kommen auf: Können wir denn nicht auch stolz sein auf unsere Stadt? Stolz auf Understatement, geht das? Auf Behäbigkeit? Und wo ist unser Mut? Mut und Ambition müssen her, vorwärts muss es gehen. Wir können es nicht immer allen recht machen. Wir dürfen nicht hören auf die, die immer gleich maulen. Auf zur neuen Berner Rücksichtslosigkeit!

Ist das unsere gemeinsame Berner Identität? Bescheiden und gmögig aber mutlos? Zufrieden in unserer Komfortzone und doch unterschwellig unzufrieden, weil wir doch eigentlich auch mal wieder brüllen wollen wie ein junger Bär?

Bern muss auf die Couch. Der #bärenhunger bleibt. Wir freuen uns auf die Fortsetzung!

#bärenhunger

Replik von Peter Stämpfli  

Es soll stolz sein, wer will, da ist nichts Falsches daran, solange es nicht dabei bleibt. Alec von Graffenried und ich haben ausgedrückt, Stolz sei für uns der unpassende Ausdruck dafür, was wir Bern gegenüber empfinden. Auf die Stadt Bern, die ich weder erschaffen, noch besonders geprägt habe, kann ich nicht stolz sein. Wie können wir stolz sein auf etwas, das wir geerbt haben, auf das UNESCO-Weltkulturerbe zum Beispiel? Wir können stolz sein, wenn wir es gut vermarkten, ohne an Lebenswert zu verlieren, wenn wir Bern weiterentwickeln. Bei mir flackert hin und da Stolz auf das auf, das wir im Unternehmen oder ich mit anderen Gruppen erreicht habe.

Ich behaupte, die Pariser, New Yorker, Zürcher und Basler sind nicht stolz auf ihre Städte. Wir glauben das nur. Ob die Pariser ihre Stadt noch als die der Liebe empfinden, wäre zu prüfen. New York hat bei allem Auf und Ab vieles verpasst, zufällig am Ambitioniertesten ist zurzeit der Stadtteil Brooklyn, nachdem die NYC lange als verhalten beurteilt wurde. Vielleicht sollten wir mal Touristen fragen, welches Bild sie von Bern haben. Was ist Zürich? Downtown Switzerland? Und Basel ist die Kulturstadt? Doch vorwiegend wegen des Geldes, das in neue Institutionen fliesst; ich sehe die Stadt eher als Pharmastadt. 

Nicht Stolz, sondern Freude, Heimat und Verpflichtung empfinde ich zu Bern und der Schweiz. Heimat ist dort, wo ich meine Werte leben kann. Freude habe ich an dem, was Bern erreicht hat und erreichen könnte, am Lebenswert, am kulturellen Leben und der Infrastruktur. Dies so nicht stehen zu lassen und an der Entwicklung mitzuwirken, demgegenüber fühle ich mich verpflichtet. Stolz kann aufkommen, wenn wir gemeinsam wieder einen Meilenstein geschaffen haben. Und dann geht es gleich weiter. 

Wir sind in Bern satt. Der hohe Lebenswert führt zu Selbstzufriedenheit und die zu Trägheit. Wer etwas Neues, gar Grösseres anpacken will, wird als wachstumseuphorisch bezeichnet. Wer Veränderungen im grösseren Ganzen angehen will (Bahnhofplatz, regionale Zusammenarbeit, Strategien für den Kanton), dem wird kaum zugehört, solches gilt als zu wenig pragmatisch und zu kompliziert. Man fürchtet sich hier zu Recht vor zu Lautem, zu Schnellem, zu Unüberlegtem, doch wird dies mit der Notwendigkeit verwechselt, sich dauernd und mit Blick auf das Ganze und Langfristige weiterentwickeln zu müssen. Der Blick auf das Ganze hat nicht das zu Mächtige im Auge, sondern das Gesamtheitliche; daraus muss und kann auch in Bern tragfähiges Grosses gelingen. Weil in der breiten Bevölkerung befürchtet wird, dass einer zu mächtig wird, oder dass die eigene Ruhe gestört werden könnte, wird die Stagnation gepflegt. Dem entgegenzuwirken ist nachgerade dringend.

 

Um Klartext zu reden: Es sind Mittelmässigkeit und Gleichgültigkeit, die in Bern den Aufbruch verhindern. Beide hemmen diejenigen, die etwas vorantreiben wollen (und die gibt es in Bern sehr wohl), hemmen die Kommunikation zwischen denen, die zwingend zusammenarbeiten müssten, hemmen intelligente Auseinandersetzungen, die Kenntnisnahme von Fakten, die Ideenfindung, Entscheide und Umsetzung. Beide sind die Grundlage für flauen Austausch von Worten, sinnloses Reden im Kreis, oberflächliche Verbindlichkeit, tatenloses Dabeisein-Wollen sowie nicht wahrgenommene Verantwortung. Die Mittelmässigkeit und Gleichgültigkeit sind es, die Bern ersticken, die sich in bisweilen wirren parteipolitischen Auseinandersetzungen zeigen und die sich in Aktionen zum Aufbruch manifestieren, die schon bei ihrer Ankündigung tot sind. 

Die uns eigene bedächtige Art hindert uns nicht. Sie fördert zwar die Hemmungen, ist aber ein feiner Sensor, Dinge nicht überstürzt und damit falsch anzugehen, und das «Grosse» nicht des Grossen wegen zu tun.

Es braucht Menschen, die über eine zeitlich lange Strecke und trotz aller Widerstände an lebenswerten Veränderungen arbeiten, partei-, vereins- und gemeindeübergreifend wirken und vor allem dranbleiben, bis Wesentliches erreicht ist. Auch wenn es solche Kräfte gibt, sind sie in der Anzahl viel zu klein. Stolz werde ich sein, wenn wir das gemeinsam überwinden können.

Die Vereine «Fokus Bern» und «Bern neu gründen» arbeiten daran, auch die Promotoren von «Spirit of Bern» und weitere Gruppen. Sie alle versuchen Entscheidungsträger zu überzeugen, indem sie sie zum Gedankenaustausch zusammenbringen, indem sie Hemmnisse abbauen, Vertrauen aufbauen und konkret handeln. 

Mich treibt unter anderem ein Bild voran: Bern, der Kanton der Lebensfreude, „the spirit and place of joy“ :) . Auf diesem Bild hat es Menschen, die sich wagen, die Ja sagen und dabei bleiben und nicht bei den ersten Widerständen und vorerst ausbleibenden Erfolgen ins Marzili oder auf den Golfplatz gehen. Dazu braucht es ein besseres Zusammenarbeits- und Wirtschaftsverständnis sowie Unternehmende und eine Politik, die diesen Geist leben, unternehmerisches Handeln willkommen heissen und unterstützen.

Kurz: Wir müssen unseren #bärenhunger nicht nur mit einem Frühstück und Gesprächen, sondern mit gemeinsamem Tun stillen.

 Peter Stämpfli war Gast am ersten #bärenhunger. Er ist Unternehmer und Mitinhaber der Stämpfli Gruppe Bern. Auf seinem Blog äussert er sich regelmässig zu Politik, Kultur und Wirtschaft. Peter setzt sich für die Hauptstadtregion Schweiz ein. 

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